Eine persönliche Beobachtung aus dem Coaching
Ich erlebe es immer wieder: In meiner Arbeit mit Führungskräften, Selbstständigen und Künstler:innen begegne ich Menschen, die äußerlich viel erreicht haben – und innerlich feststecken.
Sie sind kompetent, reflektiert, leistungsfähig.
Und dennoch höre ich Sätze wie:
„Ich weiss eigentlich, was zu tun wäre – aber ich komme nicht ins Handeln.“
„Ich überlege alles zu Tode.“
„Ich habe Verantwortung, aber innerlich keinen Halt.“
Was mich daran immer wieder beschäftigt:
Es fehlt diesen Menschen nicht an Intelligenz oder Motivation, sondern an innerer Autorität.
Erfolg schützt nicht vor innerer Orientierungslosigkeit
Unsere Zeit ist widersprüchlich.
Einerseits wird Selbstverwirklichung propagiert, andererseits wächst die Angst, Fehler zu machen, anzuecken oder jemanden zu enttäuschen.
Autorität gilt als heikel.
Konflikte werden vermieden.
Grenzen möglichst weich formuliert.
Viele meiner Klient:innen haben gelernt, hochfunktional und angepasst zu sein – aber nicht, innerlich Position zu beziehen.
Was innerlich fehlt, zeigt sich äusserlich
Wenn innere Struktur fehlt, äussert sich das oft indirekt:
- Entscheidungsprozesse ziehen sich endlos
- Verantwortung wird delegiert oder relativiert
- Konflikte werden „moderiert“, aber nicht geklärt
- Erschöpfung entsteht, obwohl objektiv alles „gut läuft“
Ich nenne das eine stille Krise der inneren Führung.
Eine Szene aus dem Coaching
Ein Geschäftsführer sagt mir einmal:
„Ich möchte niemandem meine Sicht aufzwingen.
Ich will fair bleiben.“
Im Verlauf des Gesprächs wird klar:
Er verwechselt Fairness mit innerem Rückzug.
Er will führen – ohne die innere Zumutung, zu führen.
Erst als wir diesen inneren Konflikt ernst nehmen, verändert sich etwas.
Nicht laut. Nicht radikal. Aber spürbar.
Die Angst vor innerer Autorität
Viele Menschen verbinden Autorität unbewusst mit etwas Negativem:
- Machtmissbrauch
- Härte
- Schuld
- Beziehungverlust
Also wird Autorität vermieden – auch die eigene.
Doch das hat einen Preis.
Denn wer seine innere Autorität nicht annimmt, wird von ihr beherrscht – in Form von Zweifel, Angst oder innerem Druck.
Was mich daran interessiert
Mich interessiert im Coaching nicht, Menschen „stärker“ oder „effizienter“ zu machen.
Mich interessiert, wie jemand innerlich steht, wenn es unbequem wird:
- bei Entscheidungen
- bei Konflikten
- bei Schuldgefühlen
- bei Verantwortung
Dort zeigt sich Reife.